Banken erwartet der „Uber-Moment“

Dass die klassischen Banken die Fintechs inzwischen ernst nehmen sollten, hat sich bereits in den Vorstandsetagen der Finanzbranche herumgesprochen. In welchem Ausmaß sich der technologische Wandel durch Fintech-Anbieter auf die alte Finanzwelt auswirken dürfte, zeigt eine umfangreiche Analyse der Citigroup. Demnach muss sich die Branche auf ihren „Uber-Moment“ einstellen. So wie der amerikanische Fahrdienstvermittler Uber das gesamte Taxi-Gewerbe gewaltig durcheinandergewirbelt hat, so werden die Fintechs die weitere Entwicklung im Bankensektor bestimmen.

Online-Plattformen übernehmen immer mehr Marktanteile

Ganz vorn liegen – nein, nicht US-amerikanische, sondern – chinesische Fintech-Unternehmen. Insbesondere der elektronische Handel und der Zahlungsverkehr über Drittanbieter verfügt im Reich der Mitte über große Marktanteile. So wickelte etwa im vergangenen Jahr der chinesische – und hierzulande kaum bekannte – Payment-Anbieter Alipay fast das dreieinhalbfache Zahlungsvolumen seines deutlich bekannteren US-amerikanischen Pendants PayPal ab.

Und auch in der Kreditvermittlung im Peer-to-Peer-Lending (P2P) nimmt China gegenwärtig die Vorreiterrolle ein. Mit 66,9 Milliarden Dollar vermitteltem Kreditvolumen im Jahr 2015 führt der Lending-Sektor in China deutlich vor den USA (16,6 Mrd. Dollar) und Großbritannien (5,4 Mrd. Dollar) als nächstgrößeren P2P-Märkten. Die New York Times spricht angesichts dieser Zahlenverhältnisse sogar von einer regelrecht „explosionsartigen“ Verbreitung der Kredit-Finanzierung abseits der herkömmlichen Bankindustrie. Günstig für das Wachstum der Crowdlending-Plattformen wirkt sich aus, dass auch in China die kleinen und mittleren Unternehmen unter Finanzierungsschwierigkeiten leiden. Das von staatlichen Großbanken dominierte Finanzsystem kümmert sich tendenziell mehr um die staatsnahen Großunternehmen im Land.

Chinas Fintech-Sektor in Teilen größer als traditionelle Finanzbranche

Viele chinesische Fintechs verfügen inzwischen sogar über mehr Kunden als die führenden Bankinstitute am Markt, haben die Citigroup-Autoren ermittelt. Der in China populäre Messaging-Dienst WeChat dient etwa nicht nur der Kommunikation, sondern ermöglicht auch die Bezahlung von Waren und den Geldtransfer zwischen zwei Personen. Die Kundschaft von Fintech-Anbietern schätzt die im Vergleich zu traditionellen Banken in der Regel schnelleren, zuverlässigeren und dabei kostengünstigeren Angebote, wie die Verfasser der Studie betonen.

Ein Vorteil, warum die chinesischen Fintechs so eine dominante Stellung auf ihrem Heimatmarkt einnehmen, liegt an deren finanziell gut ausgestatteten Muttergesellschaften. Die Kapitalbasis erlaubt den jungen Anbietern, auch und gerade in der kostenintensiven Anfangsphase auf breiter Front in neue Geschäftsbereiche vorzudringen. Damit sind sie im Vorteil gegenüber westlichen Fintechs, die mehrheitlich auf Risikokapital gegründet sind und sich häufig erst mühsam einen Kundenstamm erarbeiten müssen.

Crowdlending, Mobile Payment und Wealth Management wird von den Fintechs übernommen

So sind denn auch manche asiatischen Besucher verblüfft über die oftmals schwächer ausgeprägte digitale Anbindung der westlichen Volkswirtschaften. Die in Deutschland vielerorts mangelhafte Netzabdeckung lässt bei den Gästen Zweifel aufkommen, dass sie sich tatsächlich in einem der führenden Industrieländer der Erde befinden. Und auch neue Finanztechnologien verbreiten sich langsamer als in den asiatischen Boom-Regionen der letzten Jahre. Mobile Bezahl-Services wie Apple Pay haben selbst in weiten Teilen der USA über längere Zeit den Status einer Kuriosität statt einer disruptiven Kraft, die den Markt komplett umwandelt.

Doch der Citigroup-Report erkennt auch eine sich immer weiter beschleunigende Entwicklung im Westen, allen voran in den USA gefolgt von Europa. In den kommenden fünf Jahren dürften die neuen Fintech-Anbieter den traditionellen Finanzinstituten in den Bereichen Crowdlending, Payment-Lösungen und Vermögensmanagement rund 13 Prozent des Geschäfts abjagen.

Das sind dann die Szenarien eines „Uber-Moments“, auf den sich die Banken einstellen müssen. Die Taxi-Unternehmen wissen bereits, wie der sich anfühlt.

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