Mit seinem Dokumentarfilm „Capital C“ hat er sich Jørg Kundinger als Erster an das Thema Crowdfunding herangewagt. Er beschreibt damit das Phänomen Crowdfunding, was es ausmacht und welche Potenziale es birgt. (Venturate hat das Werk zum Filmstart in Deutschland rezensiert.)
Das Besondere an dem Projekt: Auch der Film selbst wurde mit Hilfe einer internationalen Crowdfunding-Kampagne realisiert. Im Interview mit Venturate erklärt Jørg, wie er Crowdfunding am eigenen Leib erlebt hat und was sich durch den Film alles verändert hat.Capital C Filmplakat

Venturate: Was hat der Film Capital C für Dich bedeutet? Hat er Dein Leben umgekrempelt, wie man es bei den Protagonisten Deines Films zu sehen bekommt?

Jørg Kundinger: Ja, das war wirklich der Fall! Wir haben davor zehn Jahre lang versucht, eigene Filme aufs Gleis zu bringen. Tatsächlich ist es uns dann erst mit diesem Projekt und der Crowd im Rücken richtig gelungen.

Venturate: Das bedeutet Dein Co-Regisseur Timon Birkhofer und Du, Ihr kennt Euch bereits so lange?

Jørg Kundinger: Genau so ist es. Wir hatten es sehr lange auf dem klassischen Wege versucht. Aber irgendwann war klar: Das ist nicht unser Weg. Zum Filmen gekommen sind wir zunächst über unsere Band. Für die haben wir Musikvideos gedreht, dann ging es weiter mit Musikvideos für andere Labels, bis irgendwann auch noch Werbung dazu kam. Wir haben nie klassisch Film studiert, was es gerade in Verbindung mit der deutschen Filmförderung schwierig machte. Erschwerend kam noch  hinzu, dass wir mit unserem Film und auch anderen Projekten keine typisch deutschen Thematiken besetzt haben.

Dank unseres Crowdfundings konnten wir einen anderen Weg gehen. Wir hatten plötzlich die ganze Welt, mit der wir kommunizieren konnten und mussten. Das haben wir deutlich gespürt: Wir haben 600 Menschen aus 24 Ländern erreicht und mit deren Hilfe unser Projekt auf den Weg gebracht. Erst danach wurde auch die deutsche Filmförderung auf uns aufmerksam und hat unser Projekt mit unterstützt.

Venturate: Seid Ihr selbst begeisterte Crowdfunder? Oder habt Ihr im Thema Crowdfunding eine Nische gewittert und die Chance als Firstmover genutzt?

Jørg Kundinger: Es war nicht unbedingt dieser Pioniergeist, der uns angetrieben hat. Wir haben aber durchaus gemerkt, dass es bis dato keinen Film gab, der sich dem Thema genähert hatte. Hinzu kam, dass wir zu diesem Zeitpunkt selbst viele Projekte unterstützt haben. Daher wussten wir, welche Dramen sich in den Wohnzimmern der Leute abspielen, die sich auf das Wagnis einlassen und ein eigenes Projekte in Angriff nehmen. Da dachten wir uns: ‘Wow, das ist eigentlich geiler Filmstoff!’

Schließlich haben wir uns selbst auf dieses Wagnis eingelassen und es war – genauso wie für viele andere – die Hölle für uns! Aber damit meine ich eine ‘gute’ Hölle, die sich am Ende ausgezahlt hat! Für uns war es definitiv der richtige Weg!

VCapital C Zach Crain Freakersenturate: Wie seid Ihr auf Zach Crain (CEO von Freaker USA) gekommen? Ein solches Unikat eignet sich ja hervorragend für einen Film.

Jørg Kundinger: Absolut! Er war sogar der erste, den wir entdeckt haben und daher auch mit ein Grund für uns zu sagen: „Jetzt können und müssen wir einen Film daraus machen, denn der Typ ist einfach der Hammer!“ Gefunden haben wir ihn auf die denkbar einfachste Art: Wir haben sein Projekt unterstützt!

Venturate: Zach war ja auch in der amerikanischen Show ‘The Shark Tank’ (vergleichbar mit ‚Die Höhle der Löwen‘ in Deutschland). Sind die Szenen absichtlich nicht im Film zu sehen?

Jørg Kundinger: Mark Cuban – einer der Juroren der Show – ist sozusagen die Edelversion von Dieter Bohlen. So jemanden wollten wir aber nicht in unserem Film haben. Trotzdem wollten wir zeigen, wie es in der Welt da draußen abläuft und was es bedeutet, sich darauf einzulassen. Im Team von Freaker USA gab es im Vorfeld heiße Debatten, ob sie ihr kleines Unternehmen wirklich den Haien zu Fraß vorwerfen möchten. Zach’s Reise zur TV-Aufzeichnung in L.A. nimmt daher eine fast gespenstische Gestalt in unserem Film an.

Letztlich bin ich froh darüber, wie es für die Jungs ausgegangen ist. Mittlerweile haben sie eine zweite Crowdfunding-Kampagne gemacht und allein aus ihrer Community 250.000 $ eingeholt. Und das für ein ‘lächerliches’ Sockenprojekt. Das zeigt doch ganz deutlich, dass sie ‘auch ohne’ können. Es bringt sie in eine komplett neue Verhandlungsposition gegenüber Angel Investoren oder anderen Geldgebern.

Capital C Jackson RobinsonVenturate: Was hat sich für die Protagonisten im Nachgang des Films verändert?

Jørg Kundinger: Für all unsere Protagonisten hat sich sehr viel verändert! Brian, der Games-Entwickler, hat beispielsweise mittlerweile seine eigene Crowdfunding Plattform. Diese fokussiert sich auf Videospiele und treibt den Gedanken sogar weiter in Richtung Crowdinvesting. Brian konnte dank Crowdfunding nach vielen Jahren den zweiten Teil seines Spiels Wasteland realisieren können. Und sein Durchhaltevermögen gab ihm Recht: Das Spiel ist bei der Games-Plattform Steam von null auf eins eingestiegen – in so jemanden investiert man natürlich gerne. Eines hat Brian wirklich verstanden: Er will seine Community wirklich am Erfolg teilhaben lassen. Denn er ist eine Person, die genauso gerne nimmt, wie sie gibt. Etwas, was im Crowdfunding verdammt wichtig ist. Es geht darum zu wissen, dass eine Tür immer in beide Richtungen schwingen kann.

Während der Produktionszeit des Films haben sich unsere drei Protagonisten ja nie kennengelernt. Erst zu unserer Premiere haben sie sich zum ersten Mal getroffen. Brian und Jackson, der Spielkarten-Designer, haben sich auf Anhieb so gut verstanden, dass sie danach ein gemeinsames Projekt erfolgreich umgesetzt haben: Ein Wasteland-Kartenset passend zum Game.

Venturate: Jetzt haben wir viel über die Protagonisten Deines Films gesprochen. Aber wie sieht es bei Euch aus, was hat sich rückblickend für Euch verändert?

Jørg Kundinger: Schon unmittelbar nach der Crowdfunding-Kampagne hat sich sehr viel ergeben: Beispielsweise hat sich der Spiegel für einen Bericht gemeldet und wir waren in den 20 Uhr Nachrichten im WDR, obwohl wir den Film zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gemacht hatten. Wir wurden zu vielen Events eingeladen und haben bei Aufritten offen über unsere Erfahrungen vor, während und nach der Crowdfunding-Kampagne erzählt. Anfangs sind wir nämlich ziemlich naiv an die Kampagne herangegangen. Uns war nicht klar, wie viel von dem eingesammelten Geld im Endeffekt für andere Kosten draufgehen würde. Soll heißen für Rewards, Shipping, Bezahlservice, Umrechnungskurse oder ähnliches. All das weckte in uns die Erkenntnis, dass wir das Budget aufstocken mussten. Das haben wir dann einerseits aus eigener Tasche getan, andererseits aber auch mit Hilfe der Filmförderung, welche dank eines dieser Auftritte auf uns aufmerksam wurde.

Mittlerweile läuft unser Film in den USA im Kino und wir haben ihn weltweit an viele Sender verkauft. Wir können sagen, dass das Projekt von vorne bis hinten zehnmal besser gelaufen ist, als wir es uns je vorgestellt hatten. Es geht für uns nun nicht mehr darum, Menschen für das nächste Projekt zu finden. Es geht jetzt vielmehr darum, sich zwischen den verschiedenen Möglichkeiten für das nächste Projekt zu entscheiden – geradezu eine Luxus-Situation! Ich persönlich habe das in meinen 38 Jahren noch nie erlebt.

Venturate: Dein Co-Regisseur lebt mittlerweile in L.A. – habt Ihr in der dortigen Filmszene so richtig Anschluss gefunden?

Jørg Kundinger: Schon während der Produktionszeit von Capital C konnten wir in den USA viele Leute kennenlernen. Nicht nur unsere Protagonisten vor der Kamera, sondern auch solche, die uns im auf dem Weg im Hintergrund unterstützt haben. Bestes Beispiel hierfür: Als Team von nur zwei Leuten mussten wir alles gleichzeitig im Blick haben – Dramaturgie, Kameraführung, die Führung der Protagonisten und vieles mehr. Was dabei manchmal zu kurz kam, war die Audioqualität. Im Nachhinein haben wir also festgestellt, dass manche Audiospuren ein bisschen Bearbeitung brauchten. Und ganz ehrlich: Dabei sind wir an unsere Grenzen geraten. Wir haben uns mit dem Problem daher an unsere Crowd gewendet, und wurden einer gewissen Margit Pfeiffer vorgestellt. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Margit ist eine der gefragtesten ADR Artists in Hollywood (ADR = Automated dialogue replacement). Und obwohl sie gerade Ben Afflecks Stimme zu der von Batman macht, so hat sie trotzdem unserer kleinen Produktion geholfen. Heute sprechen wir mit ihr und ihren Kollegen über die nächsten Projekte.

Venturate: Wie geht es jetzt weiter für Euch?

Jørg Kundinger: Wir selbst verfolgen vor allem die Idee, einen fiktionalen Film umzusetzen. Dabei sind wir bereits in konkreten Gesprächen mit übrigens sehr traditionellen Playern. Immer wieder werden wir da gefragt, ob wir auch wieder die Crowd ins Boot holen wollen, um das Projekt anzuschieben. Heute scheinen auch die großen Player das Potenzial von Crowdfunding erkannt zu haben. Als wir 2012 mit unserem Film angefangen haben, haben wir auch großen Musiklabels von Crowdfunding erzählt. Damals bekamen wir noch folgende Antwort: “So wie Du das beschreibst, ist das schon ganz cool. Aber das ist Marketing. Das Problem ist, unsere Marketingabteilung kann nur Geld ausgeben – keines einnehmen.” Probleme eines (Groß-)Konzerns!

Trotzdem ist manches in Deutschland immer noch nicht abgebildet: Bei amerikanischen Filmen fließt beispielsweise die Hälfte des Budgets ins Marketing. In Deutschland geht es der Filmförderung vor allem darum, Filme zu realisieren. Zwar investieren sie auch ein Stück weit in die Veröffentlichung, jedoch ist das in keinster Weise vergleichbar mit amerikanischen Dimensionen. Anscheinend hat man sich in Deutschland bereits damit arrangiert, dass ein Film kein Geld einspielen wird. Wir möchten uns mit sowas aber nicht zufrieden geben. Wir haben es auch mit diesem Film geschafft, viele verschiedene Nationen anzusprechen und ihn im ‘gelobten Land’ der Filmemacher herauszubringen. Wir denken, dass das auch in Zukunft möglich sein wird!

Venturate: Es heißt, von der ersten Idee bis hin zur Vermarktung eines erfolgreichen Hollywood-Streifens brauche man sieben Jahre. Ganz so lange hat es bei Euch nicht gedauert. Und doch – dreieinhalb Jahre ist eine ziemlich lange Zeit für ein Crowdfunding-Projekt, oder?

Jørg Kundinger: Absolut! 2012 haben wir das (für ein Jahr geplante) Projekt begonnen und erst jetzt haben wir es realisiert – wir haben die Geduld unserer Crowd ganz schön in Anspruch genommen und auch einiges an Unmut hervorgerufen. Dabei wollten wir die Leute eigentlich von Anfang bis Ende glücklich machen. Auch wenn wir mit dem Resultat sehr zufrieden sind, geht es jetzt also darum, erwachsen zu werden! Dass es beim ersten Projekt rumpelt und man sich blaue Knie holt – das ist völlig legitim. Aber es muss auch eine Entwicklung geben, die die Crowd spüren kann. Unsere nächsten Projekte möchten wir mit Hilfe traditioneller Funding-Quellen realisieren. In den Dialog mit der Crowd möchten wir dann erst zu einem späteren Zeitpunkt treten. Mit ihrer Hilfe können dann beispielsweise zusätzliche Komponenten finanziert werden.

Grundsätzlich gilt: Gerade in einem Team von zwei Leuten ist ein Jahr nur ein verdammt kurzes Zeitfenster. Es gibt da die typischen drei Säulen: Kreativität, Geld und Zeit. Mindestens zwei dieser Komponenten muss man erfüllt haben, um am Ende ein gutes Produkt präsentieren zu können. Wer nur wenig Geld hat, der braucht eben einfach mehr Zeit! Umgekehrt kann man aber auch große Dinge schneller realisieren, wenn man nur mehr Geld zur Hand hat.

Beim Crowdfunding ist zwar Geld im Spiel, aber wenn man es mit den durchschnittlichen Kosten eines normalen Films vergleicht, handelt es sich dabei um sehr geringe Summen. Und trotzdem kann man es damit schaffen: Wer an seine Idee glaubt und für sie brennt – der kommt auch mit weniger Geld zurecht.

Venturate: Vielen Dank für das Gespräch!

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