„Welche Sprache wird am häufigsten gesprochen? Chinesisch oder Englisch?“ Christian Muche, Director Business Development, Strategy & International, beantwortet die Frage bei der Marketing Messe dmexco in Köln selbst: „Algorithmen.“ Sie würden unsere Leben immer weiter definieren. Wer durch die Hallen der buntgefächerten Ausstellung geht, wird nach einem Rundgang Muche Recht geben: Unternehmen, Autos, Handy, Marketing, Online Verhalten des Kunden, Optimierung des digitalen Auftritts – wenig Lebensbereiche werden heute noch nicht digital erfasst, ausgewertet und in bare Münze umgewandelt.

Starkes Wachstum für digitale Werbebranche

Dennoch gibt es für die digitale Branche einerseits erfreuliches, andererseits noch viel Potenzial nach oben. Der Markt für Mobile display advertising belief sich im ersten Halbjahr 2015 in Deutschland auf 78 Millionen Euro und wird sich bis Ende 2015 auf 200 Millionen Euro belaufen, verlautbarte Paul Mudter, der Vorsitzende des OVK im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). „Video und Mobile wachsen überproportional.“  Im Vergleich zum Vorjahr sei das ein Wachstum von 50 Prozent. Bislang war die Nutzung von mobilen Anwendungen in den vergangenen Jahren stark angestiegen, doch die Werbeerlöse hielten mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Dieser Abstand hätte sich verringert. EU Digital Kommissar Günther Oettinger spricht vor allem Probleme an: Der Ausbau der digitalen Infrastruktur in Europa sei bei weitem nicht ausreichend. Zudem müsse eine einheitliche Strategie für die 28 EU Staaten entwickelt werden. Was bei Flugplänen und Zugverbindungen klappe, sei leider noch für den digitalen Raum in Europa möglich. Sein Motto „Lieber Schlaglöcher als Funklöcher“, das Oettinger vor wenigen Monaten ausgerufen hat, sollte die Politik aufrütteln. Da der stark wachsende Bedarf an Infrastruktur von der Politik allein nicht gedeckt werden kann, wird die deutsche Wirtschaft die Lücke füllen müssen. Sonst wird sie im globalen Wettbewerb abgehängt.

Noch viel Potenzial bei Mobile

Zwar ist das Wachstum bei Mobile sehr groß, nur verstehen die Marken und Kreativen wohl erst langsam, wie Kunden entsprechend angesprochen werden müssen. Madhi de Silva, CEO von Opera Mediaworks, sagt: „There are points of friction.“ So sei ein Problem, dass Videos bei Mobile ohne langes Nachladen funktioniere, während das bei einer In-App Anwendung nicht fmöglich sei. Neben technischen Aspekten werden neue Ideen benötigt: Gerade die Kreativen müssten neue Formen finden, um die Kunden auf mobilen Geräten anzusprechen. Hier bestehe noch viel Potenzial, sagt Dan Rosen, Global Director of Advertising bei Telefónica. In den vergangenen Jahren hat den Konsumenten nur auf dem Desktop PC mit Werbung abgeholt, jetzt seien neue Dinge möglich.

dmexco2015

Globale Trends von WPP

Einen Ausblick auf globale Trends lieferte Sir Martin Sorrell, CEO von WPP. So sieht er eine Neuverteilung von Einfluss und Macht. Und zwar vom Finanzzentrum der Welt New York weg in Richtung China, Brasilien und Australien. Im Auto-Bereich gebe es eine globale Überproduktion, die nur schwerlich aufgefangen wird. Zudem sieht er eine Verknappung menschlicher Ressourcen, womit er auf die wachsende Vergreisung bei den Industrienationen und den Mangel an talentierten Köpfen anspielte, die den Bedarf an Gehirnleistung wieder auffangen können. So sei es kein Wunder, dass Deutschland derzeit so liberal in der Flüchtlingskrise agiere. Das Land brauche die Leute, um seine Wirtschaft künftig zu stabilisieren. Ein weiterer Punkt: Die wichtigsten disruptiven Unternehmen werden nicht von der Agenda der Aktionäre getrieben. Denn so seien keine langfristigen strategischen Überlegungen möglich. Als Beispiel führte Sorrell Mark Zuckerberg von Facebook oder Larry Page bei Google an. Interessant: Laut Sorrell werden Einzelhändler wieder substanzielles Wachstum erzielen.

dmexco2015 Sorrell

Der Offline-Shop der Zukunft

Wie das gehen könnte, demonstrierte Ronald Focken, Geschäftsführer bei Serviceplan. Bei einem Pilotprojekt mit der Bekleidungsfirma Bogner wurde ein Ladengeschäft der Zukunft vorgestellt. Der Kunde kann zum Beispiel in der Umkleidekabine in den Spiegel schauen und bekommt detaillierte Vorschläge, welche weiteren Teile er zum Beispiel mit jener Hose kombinieren könnte. Denn der „Spiegel“ kennt die Vorlieben des Kunden anhand seines abgelegten Profiles. Sollte der Pullover in der gewünschten Farbe nicht im Laden verfügbar sein, werde er automatisch geliefert. Die Mischung aus Online- und Offline-Welt sei der Lösungsweg für den Handel. „Der Händler könne bis zu 80 Porzent der Ladenfläche einsparen.“ Dafür müsse er in die Verknüpfung der technischen Strukturen erheblich investieren. Auch Media Markt denkt über künftige Ladenkonzepte nach: Mit Hilfe einer Kamera, Augmented Reality und dem Smartphone soll dem Kunden ein neues Einkaufserlebnis bieten. Schöne Zukunftsmusik: Aber wer nicht musiziert, kann keinen Ton angeben!

 

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