Ein echter Macher: Prof. Günter Faltin ist nicht nur Hochschulprofessor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin, sondern ist in der Praxis bewandert. So hat er die „Teekampagne“ ins Leben gerufen, die mittlerweile weltweit der größte Teeimporteur von Darjeeling ist. Sein Anliegen ist die Förderung von kreativen Ideenkonzepten, was er auch in seinen zahlreichen Büchern kundtut, wie zum Beispiel „Kopf schlägt Kapital“ oder aktuell „Wir sind das Kapital“. Zudem steht er dem Entrepreneur Summit vor, der am 24. und 25 Oktober in Berlin stattfinden wird.

Venturate: Herr Prof. Faltin, sie fordern eine intelligente Ökonomie. Ist unser derzeitiges Wirtschaften so schlecht?

Günter Faltin: Wir stehen vor Bergen von Problemen: Dem Klimawandel, der demographischen Entwicklung, dem Artensterben und der Flüchtlingsproblematik – um nur die Bekanntesten zu nennen. Ich glaube, dass die Intensität und Komplexität dieser Probleme zu stark sind, als dass die Politik, genauso wenig wie klassische Unternehmen, damit alleine fertig würden. Wir brauchen mehr Menschen, die sich engagieren und Entrepreneurship betreiben – und zwar mit der Maßgabe, dass sie damit diesen Problemberg angehen und abarbeiten.

Venturate: Ist im Grunde also jeder gefordert, selbst als Unternehmer tätig zu werden, um passende Lösungen für diese Probleme zu finden?

Günter Faltin: Ja! Es gab ja bereits die Idee der Bürgerinitiative: Das war Mitte der 80er Jahre mit Robert Jungk. Damals ging es darum, in ökologischen Fragen nicht immer auf die Politik oder die Konzerne zu warten. Wir brauchen Menschen – damals wie heute – , die Verantwortung übernehmen und sich der Probleme annehmen.

Venturate: Der Titel ihres aktuellen Buches “Wir sind das Kapital” erinnert ja nicht ohne Grund an die Parole “Wir sind das Volk”: Sollte man sich Jeder besser noch heute als morgen engagieren? Waren die Voraussetzungen jemals so gut wie jetzt?

Günter Faltin: Sagen wir es so: Entrepreneurship war noch nie so zugänglich. Früher brauchte man riesige Kapitalien und musste alles im eigenen Haus aufbauen. Heute hingegen braucht man sehr viel weniger Kapital. Im Grunde genommen reicht bereits ein Laptop. Insofern ist die Hemmschwelle lange nicht mehr so groß, wie sie in der Vergangenheit einmal war. Ein Unternehmen zu gründen, ist aber nach wie vor kein Selbstläufer. Das verhält sich wie mit der Bildung, die heute jedermann zugänglich ist. Es ist nicht leicht, sich im Bildungssystem vom Arbeiterkind zum Professor hochzuarbeiten – schon gar nicht für die bildungsfernen Schichten. So ähnlich ist es mit Entrepreneurship. Es ist zugänglich, aber in Deutschland sind die meisten Menschen noch weit davon entfernt, eine Unternehmensgründung ins Auge zu fassen.

Venturate: Was muss ein Gründer mitbringen? Reichen heutzutage schon eine Idee und ein gewisses Organisationstalent aus?

Günter Faltin: Das deutsche Wort ‘Idee’ ist schillernd, es kann einen ersten Einfall beschreiben, oder auch etwas Idealistisches. Ich sage immer, ein erster Einfall genügt nicht. Er stellt einen Ausgangspunkt dar, von dem ausgehend man an einem Konzept arbeiten muss. Dabei geht es um Fragen wie: Wie erreiche ich ein oder sogar mehrere Alleinstellungsmerkmale? Was kann ich besser machen als diejenigen, die bereits am Markt etabliert sind? Wo sehe ich Chancen, auch nach außen erkennbar besser zu sein?

Sei es in der Qualität, im Preis, in der Logistik oder anderen Punkten. Von einem ersten Einfall bis hin zu einem ausgereiften Konzept liegt ein langer Weg. Ich vergleiche diesen Weg gerne mit dem eines Künstlers: Von dem ersten Einfall, Dinge anders darzustellen als andere, bis hin zu einem Konzept und zu einem eigenen Stil. Das alles braucht Zeit, viel Zeit sogar da vergehen teilweise Jahre. Dazu gehört auch, dass ich mein Anliegen ausdrücken kann und mich handwerklich sowie technisch weiter entwickle. Was ich damit sagen möchte: Wer mit nichts weiter als einem ersten Einfall gründet, gehört vermutlich zu den 80 Prozent, die in den ersten fünf Jahren scheitern werden.

Venturate: Wobei ja mittlerweile viel von einer Kultur des Scheiterns gesprochen wird, in welcher dieses Scheitern gesellschaftlich nicht mehr verurteilt wird.

Günter Faltin: Das sagt sich natürlich sehr einfach. Wir brauchen eine Kultur des Scheiterns – absolut. Nur: Haben wir diese? Ich behaupte nein! Es genügt ja nicht, dass ein kleiner Kreis von Gründern das verinnerlicht und auch nach einem Scheitern zweite und dritte Anläufe startet. Im gesellschaftlichen Umfeld ist diese Kultur des Scheiterns – zumindest in Deutschland – noch nicht angekommen. Ich berate deshalb die Gründer in meinem Umfeld so, dass sie gut an ihrem Konzept arbeiten. Das bedeutet auch, dass sie Ihr Konzept auf möglichst mehrere Beine stellen, um eben gerade nicht zu scheitern.

Venturate: Sollte man zum Gründen dann lieber ins Silicon Valley gehen? Wenn Sie ein Unternehmen gründen würden, wohin würden Sie gehen und warum bzw. welche Branche?

Günter Faltin: Im Moment ist der große Trend natürlich deutlich erkennbar: Alle richten ihre Augen auf das Silicon Valley. Ich empfehle aber nicht, mit der Herde zu laufen. Denn meistens ist man in solchen Fällen schon zu spät dran – so fürchte ich verhält es sich auch in Sachen Silicon Valley. Betrachtet man die Entwicklungen der Vergangenheit anhand der Bedürfnispyramide von Maslow, so ist erkennbar: Früher ging es um “Basic Needs”, industriell waren das Kohle und Stahl. Dann waren es auf der zweiten Stufe die “Security Needs”, also Banken und Versicherungen, die das große Geld machten. Als nächstes kam dann so etwas wie die “Connectivity Needs”, mit denen Google und Twitter besonders stark wurden. Wenn man nun die Pyramide weiter hinaufgeht, dann geht es als nächstes um Anerkennung, Selbstverwirklichung und Selbstwirksamkeit. Wieso also der Herde in punkto Connectivity hinterherlaufen? In dem Feld wäre man ja bereits mit den großen und erfolgreichen Playern konfrontiert. Wieso nicht einen Schritt weiter gehen und sich auf die nächste Stufe einstellen? Das wären dann vielleicht Themen wie Wohlbefinden, mehr Bewegung in das eigene Leben einbauen, gesundes Essen – eine Menge Dinge also, die uns dabei helfen, mit uns selbst zufrieden zu sein. Genau da sehe ich den nächsten Trend. Etwas platt ausgedrückt: Das geglückte Leben.

Venturate: Die digitale Revolution, in der wir uns seit gut 15 Jahren befinden, wird viele Arbeitsplätze kosten – man denke nur an das Internet of things. Werden wir einen Himalaya bei den Arbeitslosenstatistik erleben? Welche Maßnahmen gilt es zu treffen, um das zu verhindern?

Günter Faltin: Wir werden natürlich besonders in den konventionellen Feldern mehr Arbeitslosigkeit erleben. All das, was repetitiv ist, alles was programmierbar ist, wird an Arbeitsplätzen wegfallen. Schon der frühe Marx sprach im kommunistischen Manifest davon, dass nach dem Reich der Notwendigkeit das Reich der Freiheit anbricht. Ich sehe die Chance, dass wir in dieses Reich der Freiheit kommen. Ich bin zwar kein Marxist, jedoch glaube ich, Marx hat an dieser Stelle etwas richtiges erkannt: Maschinen, bzw. heute digitale Technologien können uns in vieler Hinsicht entlasten – insbesondere bei repetitiven Arbeiten. An sich ist das ja äußerst positiv – jedoch bleibt die Frage: Womit beschäftigen wir uns dann?

Meiner Meinung nach eben genau damit, wie wir unser Leben geglückter gestalten können  und wie wir mehr Sinn in unserem Leben finden. Vielleicht sind wir am Schluss ein Volk von Künstlern, von kreativen Köpfen, weil ja die Maschinen die Arbeit übernehmen. Es war schon immer ein Traum der Menschheit, schwere und anstrengende Arbeit abzugeben. Nun sind wir zum ersten Mal in einer Situation, wo wir uns das vorstellen und leisten können, um uns wichtigeren Dingen zuzuwenden: Der Freiheit und den Optionen, unser Leben selbst zu gestalten.

Venturate: Also geht es in diesem Zeitalter der Freiheit dann um das lebenslange Lernen und das Bewahren der Neugier?

Günter Faltin: Ja, insbesondere die kindliche Neugier zu bewahren. Der Spaß am Gestalten und am Abenteuer ist ja bei Kindern vorhanden und sollte nicht durch die Schule und die allgegenwärtige Erwachsenenmentalität kaputt gemacht werden. Innerhalb der letzten Jahrhunderte haben wir erstaunliche Leistungen erbracht, der Kapitalismus hat die Produktivkräfte enorm entfaltet. Jetzt stellt sich die Frage: Was machen wir daraus? Einfach weitermachen wie bisher? Der Mangel ist im großen und ganzen beseitigt. Wir stehen vor einem neuen Abschnitt der Menschheitsgeschichte, in dem wir uns anders verhalten müssen. Wir brauchen neue Ideen und andere Ansätze – auch in Sachen Arbeit. Denn alles andere kommt aus einer Zeit, die wir längst hinter uns gelassen haben.

Venturate: Am 24./25 Oktober findet der Entrepreneurship 2015 Summit in Berlin statt, den Sie ausrichten. Der Untertitel der Veranstaltung heißt “The Art and Science of Entrepreneuership”: Was ist denn die Kunst ein Unternehmen zu gründen?

Günter Faltin: Es ist die Kunst, sich auf den Kern zu beschränken: Nämlich das Gestalten. Dinge wie Rechnungswesen, Bilanz und alle Verwaltungsaspekte – die in Unternehmen eine durchaus wichtige Rolle spielen – sollte man nicht in den Vordergrund stellen. Wir können sie uns als Komponenten besorgen. Unternehmer zu sein heißt, Zukunft zu gestalten. Das bedeutet: Ich kann mir heute ein Unternehmen denken, wo ich all das, was mir nicht liegt, an profeEntrepreneurship Berlin Faltinssionelle Dienstleister abgeben kann. Also arbeitsteilig vorgehen – mit Komponenten gründen. Das ist der große Fortschritt und so muss man Entrepreneurship heute angehen: Es geht darum, Dinge zu verändern, Ziele zu erreichen und Problemlösungen zu gestalten. Das eigene “Entrepreneurial Design” – also das unternehmerische Konzept – ist der Kern, an dem man als Unternehmer zu arbeiten hat. Auch ein Künstler muss nicht seine Leinwand oder seine Materialien selbst herstellen. Er muss gestalten; muss seine Ideen zu einem Gesamtkunstwerk zusammenführen.

Venturate: Welche Zielgruppe wollen Sie für den Entrepreneurship 2015 Summit erreichen?

Günter Faltin: Der Gedanke beim Entrepreneurship Summit 2015: Den Fokus richtig zu setzen. Vom eigenen Potenzial ausgehen. Stimmig zur Person zu gründen. Wir wollen damit auch diejenigen Menschen ansprechen, die keinen BWL-Hintergrund haben. Menschen, denen es vor Themen wie Rechnungswesen oder Ökonomie quasi graust. Wir brauchen Leute, die zukunftsfähig denken und Probleme angehen, anstatt nur Gewinnmaximierung zu betreiben, egal mit welchem Produkt. Daher setze ich meine Hoffnung nicht auf die großen Konzerne, sondern auf Entrepreneure aus allen Schichten der Gesellschaft: Wir sind das Kapital. Wir müssen selbst in den Ring steigen; müssen selbst unternehmen. Wirtschaft ist etwas viel zu Wichtiges, als dass wir sie allein den Ökonomen überlassen dürfen.

Venturate: Vielen Dank für das Gespräch!

 

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