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Fintechs und der Brexit – Gestern London, morgen Berlin?

Die erste ungläubige Überraschung über das Votum der Briten ist vorüber – der Brexit soll kommen. Wenn auch nur mit knapper Mehrheit, so hat sich offenkundig doch eine Mehrzahl der Bürger Großbritanniens für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Mit London würde auch der bedeutendste Finanzplatz Europas die EU verlassen. Was kommt nun auf die Fintech-Szene zu?

Unsicherheit ist derzeit Normalzustand im britischen Fintech-Sektor

Zuerst einmal, noch hat Großbritannien die EU nicht verlassen und wird das vielleicht auch nie tun. Das Ergebnis der Volksabstimmung ist nicht bindend, doch hat Premierminister David Cameron zugesagt, sich dem Votum der Bürger beugen zu wollen. Inzwischen mutet es so an, als ob selbst die Brexit-Befürworter nicht mit einem Erfolg ihrer Kampagne gerechnet haben bzw. jetzt nicht so recht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Denn jetzt müssen sie liefern, was sie versprochen haben. Und das größte Versprechen lautete: Nach einem Brexit wird alles besser.

Dass dieser Zustand eintritt, daran zweifelt nicht nur die britische Fintech-Branche. In London hat sich die europaweit mit Abstand größte Fintech-Szene angesiedelt. Sie profitierte bislang von der Ansammlung geballten Finanzwissens, der Internationalität einer englischsprachigen Metropole und einer politischen Unterstützung, wie sie wohl nur noch in den USA zu finden ist. Nicht umsonst entstand im Jahr 2005 in Großbritannien mit Zopa auch die erste Crowdlending-Plattform. Sie etablierte erst das Geschäftsmodell, dem auch kapilendo unter anderem nachgeht.

Wie es jetzt weitergeht, ist noch offen. Die allgemeine Stimmung ist wohl mit dem Schlagwort Verunsicherung am besten umschrieben. Egal, ob die Briten jetzt austreten oder doch drinbleiben, es wird erstmal eine monate- wenn nicht jahrelange Hängepartie ohne klare Tendenz bevorstehen. Und dieser Zustand der unsicheren Planbarkeit ist Gift für Unternehmen und zahlreiche Fintechs im Speziellen.

Umzugspläne der Fintechs wecken Begehrlichkeiten nach dem Brexit

Neben Großbanken und Industrieunternehmen haben auch die ersten Fintechs bereits angekündigt, über einen Wegzug aus Großbritannien nachzudenken. Natürlich gehört das auch zum Aufbau einer Drohkulisse, schließlich erwirtschaftet die gesamte Finanzindustrie einen Gutteil des britischen Bruttoinlandsprodukts. Und mit den zahlreichen in London ansässigen Fintechs sollte die zukünftige Relevanz des Standorts gesichert sein. Das Kalkül vieler Unternehmen dürfte deshalb lauten: Kein Politiker sollte so dumm sein, dieses Potenzial vertreiben zu wollen. Dass dieses Kalkül aufzugehen scheint, darauf deuten erste Überlegungen des britischen Finanzministers hin, die Unternehmenssteuer auf der Insel noch weiter abzusenken. Damit soll der Standort Großbritannien auch nach einem Brexit als Firmenplatz attraktiv bleiben.

Ganz unverhohlen werben nämlich bereits Paris, Dublin, Frankfurt, Luxemburg und natürlich Berlin um die abwanderungswilligen Fintechs. Und jede Stadt wirft sich in Schale, um mit ihren je eigenen Vorteilen zu glänzen. Berlin kann als deutscher Fintech-Standort Nummer 1 punkten, zieht kreative Leute an, bietet günstige Lebensverhältnisse und liegt in punkto Hippness in etwa auf Londoner Niveau. Dafür fehlen der deutschen Hauptstadt jedoch das gewachsene Ökosystem aus Banken und Versicherungen, wie sie etwa Frankfurt oder Luxemburg zu bieten haben. Dublin ist recht klein, doch ist die Hauptstadt Irlands englischsprachig und bietet in Steuerfragen noch bessere Bedingungen als Großbritannien. Einen Metropolenstatus und einen großen Finanzsektor bietet Paris. Doch die französische Hauptstadt platzt jetzt schon aus allen Nähten, gilt mittlerweile als etwas angestaubt und bietet ein hochpreisiges Lebenshaltungsniveau, das dem Londons gleichkommt.

Vorteile der EU könnten für britische Fintechs entfallen

Letztendlich wird alles Verhandlungssache sein. Denn eine Sache macht vor allem den Fintechs Probleme: das sogenannte Passporting. Damit können britische Start-ups ihre Geschäfte bislang recht einfach mit einer britischen Lizenz auf andere EU-Staaten ausdehnen. Ob dieser einfache Weg so erhalten bleiben wird, ist noch unklar. Denn die Frage wird sich stellen, warum man britischen Fintech-Unternehmen diesen Zugang zum EU-Markt offenhalten sollte.

Die Unsicherheit wird anhalten, aber vielleicht bleibt am Ende auch alles wie es ist – trotz Brexit oder Nichtberücksichtigung des Brexit-Votums. Letzteres dürfte in erster Linie den handelnden Politikern auf die Füße fallen, die das den Wählern in ihrem Wahlkreis erklären müssen. Es wird interessant zu schauen, wie das Mutterland der modernen Demokratie damit umgehen wird.

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