Knurrige Investoren treffen auf zitternde Unternehmensgründer. Gäbe es bereits Duftfernsehen, so läge wahrscheinlich der beißende Geruch von Angstschweiß in der Luft. Über zwei Monate ging es Dienstag Abends für Start-ups in „Die Höhle der Löwen“ – einige kämpften dabei um ihr wirtschaftliches Überleben. Doch worin liegt die Faszination dieser TV-Show? Geht es dem Zuschauer hier wirklich um gute Ideen? Oder überzeugt die Show letztlich wegen Ihrer dramatischen Inszenierungen?

Denn diese Dramatisierung ist schon nach wenigen Minuten offensichtlich: Bereits das Intro ist mit epischer Musik hinterlegt und erinnert an einen spannenden Thriller. In der Show wird auf der ganzen Klaviatur der Emotionen gespielt. Die einen Gründer werden belächelt, während andere regelrecht zerfleischt werden. Die dritten bekommen die ersehnte Finanzspritze und können Ihr Glück kaum fassen.
Fakt ist: Bei den Zuschauern sorgte diese bunte Mischung aus ‚himmelhochjauchzend‘ und ‚zu Tode betrübt‘ für Rekordeinschaltquoten. Während der zweiten Staffel erreichte die Sendung im Schnitt rund zwei Millionen Zuschauer.

Wechselbad der Gefühle

Schon in der ersten Folge ging es direkt zur Sache: Die Gründer von Sixtyone Minutes, eines persönlichen Assistenten in Form einer App, treffen auf gereizte Löwen. Ihre Idee wird von Frank Thelen als „verrückt und dumm“ betitelt. Als die verunsicherten Gründer ihr Konzept dann mit realitätsfernen Planzahlen zu verteidigen versuchen, werden die Löwen regelrecht wütend. Jochen_Schweizer_2014-1Auch Jochen Schweizer kann sich ein paar höhnische Worte nicht verkneifen: „Seht ihr das Feuer? Ob ich das Geld in dieses Feuer gebe oder Ihnen, es wird das gleiche passieren: Es wird verbrennen“. Die Reaktionen der Zuschauer auf Twitter sind gemischt: Bei dem ein oder anderen Tweet scheint Schadenfreude durch, aber auch mitleidiges Schmunzeln und sogenanntes Fremdschämen finden sich unter den Reaktionen.
Im Laufe der Staffel geht es sogar noch weiter: Als die Bildhauerin und Gründerin Judith Grote ihr Bilderrahmen-Start-up präsentiert und mit Tränen in den Augen von Geschäftsbetrug und dem anschließenden Selbstmord Ihres Mannes erzählt, überschreitet die Unterhaltungs-Show erstmals die Grenze zum Reality-TV. Ähnlich dramatisch geht es bei den Gründern einer Popcorn-Maschine zu, die quasi vor dem Nichts stehen und auf die Hilfe der Investoren angewiesen sind. Dass diese nicht sonderlich innovative und schwer skalierbare Idee eines Topfaufsatzes zur Popcornherstellung zwei der Investoren überzeugt, kommt überraschend. Doch aufgrund der sympathischen Gründer sind Zuschauer wie auch Investoren gerührt. So sehr, dass die Fortsetzung der Story sogar im Staffelfinale noch einmal aufgeführt wird: Nun müssen sich Gründer und Löwen mit verlogenen Zulieferern rumschlagen. Aber gemeinsam ist man ja bekanntlich stark. Zu guter Letzt sei hier noch der Gründer eines Onlineshops für Hundebedarf zu nennen. Er möchte all seine Produkte für null Euro verkaufen und nur von den hohen Versandkosten profitieren. Die Löwen finden das Konzept „lächerlich“. Als sich dieser Gründer dann plötzlich als Schlagersänger entpuppt, fühlt man sich in die Massencastings von „Deutschland sucht den Superstar“ zurückversetzt. Da stellt sich schon mal die Frage: Sind das noch ernstzunehmende Gründer und wie viel Inszenierung wird für den Zuschauer veranstaltet?

Zum Glück haben die Macher der Show die nötige Erfahrung, solch dramatische Passagen auch mit versöhnlichen abzuwechseln. So wird man am Ende dieser Folge Zeuge, wie der zuvor so harsche Frank Thelen in das Skateboard-Start-up eines 21-Jährigen investiert. Einfach, weil er als Jugendlicher auch Skateboard gefahren ist und ihn unterstützen möchte. Denn damals habe er vor allem gelernt, immer wieder aufzustehen, auch wenn man mal „auf die Fresse“ fällt. Da wird es einem direkt warm ums Herz und die bösen Worte von Beginn der Sendung sind vergessen.

Wer sich also an einem Dienstag Abend einfach gemütlich berieseln lassen möchte, für den ist diese Show genau das Richtige. Woche für Woche schaffen es die Macher, eine gesunde Mischung aus verrückten, interessanten und total abwegigen Ideen zu präsentieren. So zum Beispiel die vegane bzw. lederlose Lederhose passend zur Wiesn-Zeit. Auch die unterschiedlichen Gründer, die sich in die Höhle wagen, bilden ein breites Spektrum ab: Vom jungen und dynamischen Gründerteam von Babo Blue (blaues Bier), über unscheinbare, schnell vergessene Gestalten bis hin zu absoluten Unikaten wie den Gründern von Einhorn (fairtrade Kondome) ist alles dabei. Nicht zuletzt sorgen natürlich die Löwen selbst für Unterhaltung.
So ist Vural Ögers Meinung zu einem 2015-01-06_3318_Lencke_Steiner_(Dreikönigskundgebung_der_Liberalen)Sextoy-Beratungs-Start-up sehr deutlich: „Ich finde Sexshops abscheulich!“ Ein Gründer, der seine Erfahrung als Flash-Programmierer hervorhebt wird von Frank Thelen verlacht: Flash sei wie der Trabi in der Autoindustrie. Aber auch Lencke Steiner, die Woche für Woche „raus“ ist, sorgt für einen Dauerlacher bei der Twittergemeinschaft. In Wahrheit hat sie übrigens ganze 5 Investments während der zweiten Staffel getätigt. Was der Zuschauer nicht weiß: Von über 30 geplanten Deals in zwei Staffeln kam über die Hälfte nach einer genauen Prüfung (Due Dilligence) gar nicht zu Stande – darunter übrigens auch drei geplatzte Deals von Lencke Steiner und das Skateboard-Investment von Thelen.

Das Löwen-Fieber

Die Show bietet überzeugten Gründern eine Plattform. Dass diese auch gerne zu sehr von der eigenen Idee überzeugt sind, zeigen die häufig zu hoch angesetzten Unternehmensbewertungen. Regelmäßig bringen diese sowohl Löwen als auch Zuschauer in Rage. Fünf Millionen Euro für das eigene Start-up sind keine Seltenheit. Und das, obwohl die Gründer teilweise mit kaum mehr als einer Idee und einem Prototypen vorstellig werden. Zum Staffelfinale wurden die Löwen dann nochmal richtig wild und boten sich Wortgefechte – da machte das Zuschauen noch mehr Spaß. So kratzten sich beispielsweise Jochen Schweizer und Judith Williams im Wettbewerb um den laut Schweizer „besten Gründer aller Zeiten“ der Show fast die Augen aus. Kurz: Man fiebert einfach mit. Die Show bietet eine gesunde Mischung verschiedenster Eindrücke. Egal, ob die Gründer die Investoren überzeugen können oder nicht, alles in allem ist die Höhle der Löwen für den Zuschauer ein durchaus unterhaltsames Unterfangen.

Dritte Staffel bereits angekündigt

Professionelle Investoren mögen zu Recht kritisieren: Mit der Realität haben diese ‚Verhandlungen‘ wenig zu tun. Wem das Ganze etwas zu dramatisch ist, der sei aber daran erinnert, dass es für eine erfolgreiche deutsche TV-Show auch entsprechende Einschaltquoten in der werberelevanten Zielgruppe braucht. Und diese muss natürlich bei der Stange gehalten werden. Immerhin gelingt es VOX mit der Show, ein wichtiges und komplexes Thema der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Manch aufmerksamer Zuschauer kann sich sogar Basiskenntnisse zu Themen wie Sperrminorität, Unternehmensbewertung und Business Planung aneignen. Und der Erfolg spricht für sich: Über 2,1 Millionen Zuschauer verfolgten die Sendung zuletzt. Damit wurden die Quoten der ersten Staffel übertroffen und Staffel drei wurde für 2016 bereits angekündigt. (Start-ups können sich bei Interesse hier bewerben.) Noch nie haben sich so viele Menschen via TV mit dem Thema Gründung und Entrepreneurship auseinandergesetzt. Das kann der deutschen Gründerszene nur gut tun. Daher muss man wohl den ein oder anderen Ausreißer in Richtung Reality-TV auch verzeihen können.

Titelbild | VOX/Stefan GregorowiuS
Jochen Schweizer | fotografiert von GABO
Frank Thelen | Fotografiert von Boris Breuer
Lencke Steiner | Fotografiert von Robin Krahl

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