Martin Sinner hat die Vergleichsplattform idealo.de gegründet und investiert als Business Angel in zahlreiche Start-ups. Mittlerweile treibt er als Chef der Electronics Online Group von Media-Saturn das Online-Pureplay-Geschäft voran und baut unter anderem das Spacelab auf, den Accelerator der Media-Saturn in München.

Venturate: Spacelab heißt der neue Accelerator von Media-Saturn, der neue Start-ups im Bereich Consumer Electronics Retail unterstützen will. Mit Verlaub, warum noch einen?

Martin Sinner: Unter dem Decknamen „Accelerator“ gibt es viele verschiedene Geschäftsmodelle. Schaut man sich die unterschiedlichen Varianten an, wird die Zahl deutlich geringer. Wir sind ein sogenannter Corporate Seed-Accelerator. Das heißt: Wir verbinden den Accelerator mit Investment, deswegen der Begriff Seed. Wir geben den Start-ups Geld dafür, dass sie mit uns im Spacelab sitzen, wofür wir fünf Prozent der Unternehmensanteile nehmen. Gleichzeitig sind wir eine Corporate – wir sind nur an Start-ups interessiert, die zu unserer Wertschöpfungskette passen.

Venturate: Welche Vorteile haben Acceleratoren für Unternehmen?

Martin Sinner: Jedes größere Unternehmen sollte sich einen Accelerator leisten, weil es eine gute Möglichkeit ist, um an Innovationen zu partizipieren. Traditionell wird sehr viel Geld ausgegeben und wertvolle Mitarbeiter abgeordnet, um Innovationen für die Firma zu schaffen. Häufig geht das aber schief und frisst die falschen Ressourcen. Das Supermarkt-Prinzip – wir machen ein spannendes Angebot, so dass sich die Start-ups aus eigenem Antrieb dafür interessieren – ist dagegen aus meiner Sicht für beide Seiten wesentlich besser. Ein Selbstläufer ist so ein Programm aber natürlich auch nicht: Es steckt viel Arbeit dahinter und kostet viel Geld.

Venturate: Was bietet ihr Start-ups, die sich für euer Programm interessieren?

Martin Sinner: Wir bieten dem Start-up ein finanzielles Investment von 30.000 Euro. Gleichzeitig bekommt es ein wesentlich größeres Investment in Form von Support-Leistung, wie Beratung, Coaching und Mentoring. Außerdem bieten wir den Unternehmen Zugang zu unseren Unternehmensressourcen. Dafür erhalten wir eine Beteiligung in Höhe von fünf Prozent. Ziel ist es, dass das Start-up nach dem Accelerator deutlich mehr wert ist als bei seinem Eintritt. Das ist unser Anspruch aus der Sicht des Start-ups: Diese Zeit hat uns viel gebracht. Durch das Netzwerk haben wir massiv dazugelernt und bestenfalls sind dauerhafte Kooperationen geschlossen worden.

Venturate: Welche Voraussetzungen müssen Start-ups mitbringen, um bei euch eine Chance zu haben?

Martin Sinner: Das Wichtigste ist das Team: Wir wollen keine “One Man Shows” haben. Wir erwarten einen Prototypen bzw. ein “MVP” (minimal viable product). Wir erwarten, dass das Unternehmen einen legalen Rahmen hat. Eine Idee allein reicht nicht aus, um am Spacelab-Programm teilnehmen zu können. Außerdem sollte das Konzept zur Media-Saturn passen. Der Rahmen ist weit gefasst und steht unter dem Motto: “Alles das, was uns hilft, unser Business besser zu machen.” Das reicht von Online Services, zu Consumer Produkten und Software für das Internet of Things, bis hin zu Lösungen in der Logistik. Wir planen zwei Durchläufe pro Jahr. Die Start-ups können sich für die erste Runde bis zum 11. Oktober 2015 bewerben.

Venturate: Was unterscheidet das Spacelab von anderen Seed Acceleratoren?

Martin Sinner: Wir konnten Top-Partner für unser Programm gewinnen und zwar eben nicht nur Mentoren, sondern auch namhafte Unternehmen aus Industrie und Beratung. Die Qualität des Mentoring ist dadurch sehr hoch: Während die Mentoren bei anderen Acceleratoren den Start-ups lediglich ein oder zwei Tage zur Verfügung stehen, haben sie sich beim Spacelab für mehr als 30 Tage Support pro Durchlauf verpflichtet. Das hat eine sehr intensive Zusammenarbeit zur Folge. Wir haben Hochkaräter an Bord wie das Marktforschungsinstitut GFK, Serviceplan oder Accenture. Und natürlich zusätzlich sehr viel Start-up-Erfahrung: So hat das Logistikberatungsunternehmen Barkawi selbst schon mehr als zehn Start-ups inkubiert. Übrigens: Auch Venturate Co-Founder René Seifert wird als Mentor im Spacelab aktiv sein.

Venturate: Du warst mit Kai Dieckmann in der berüchtigten Silicon Valley WG, um neue Trends aufzuspüren. Was hast Du in dieser Zeit gelernt?

Martin Sinner: Das Silicon Valley ist immer noch ein Ort, der gnadenlos unterschätzt wird. Denn er hat einen gigantischen Magnetismus auf exzellente Leute. Und jeder der weiß, wie ein guter Mitarbeiter viele mittelmäßige Kollegen mitreißen kann, erahnt vielleicht, welche Ergebnisse sich erst einfahren lassen, wenn man viele brillante Menschen zusammenbringt.

Venturate: Wie stehst du zum Thema Crowdfunding?

Martin Sinner: Crowdfunding ist eine tolle Sache. Ich bin an einer Firma beteiligt, die eine sehr erfolgreiche Kampagne fährt: Returbo. Gerade bei diesem Beispiel haben sich die ganzen Sekundäreffekte des Crowdfundings, wie Sichtbarkeit und Feedback der Investoren, äußerst positiv auf das Unternehmen ausgewirkt. Abgesehen vom Investment hat sich eine sehr engagierte Crowd gefunden, die sich für Returbo interessiert: Gute Deals haben sich für das Unternehmen ergeben, da viele Händleranfragen reinkamen. Außerdem sind die Fragen zum Geschäftsmodell für die Unternehmer sehr erhellend gewesen – eine interessante und sehr lehrreiche Phase.

Venturate: Vor zehn Jahren konnte man sich nicht vorstellen, wie komplex die Online-Welt heute ist. Und wenn man nun zehn Jahre in die Zukunft blickt, was wird uns da erwarten? Welchen Herausforderungen steht der E-Commerce gegenüber?

Martin Sinner: Die Komplexität wird massiv zunehmen, weil sich die Nutzungsszenarien stetig weiterentwickeln – vor allem durch mobile Endgeräte. Viele E-Commerce-Angebote sind heute noch auf den Laptop zugeschnitten. Aber immer mehr Nutzer werden zukünftig ausschließlich über das Smartphone einkaufen. Beim Online-Dating haben wir einen solchen Wandel bereits vollzogen, bei einigen eCommerce-Anwendungen – wie beispielsweise Lieferdienste für Essen – ist er voll im Gange. Und er wird auch weitere Bereiche erschließen.

Venturate: Vielen Dank für das Gespräch!

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