Venturate: Du bist Gründer und Geschäftsführer von IEG Investment Banking. Was macht Ihr genau?

Stefan Heilmann: Die IEG – Investment Banking Group ist eine globale Investment Banking Boutique mit dem Fokus auf die Industriegruppen Internet, Technology und Services. Mit neun lokal verankerten Standorten in allen wichtigen Wachstumsregionen sind wir ein Transaktionspartner für Wachstumsunternehmen bis hin zu internationalen Konzernen für die Bereiche Mergers & Acquisitions, Finanzierung und Corporate Advisory. Das Besondere an uns ist unsere globale Reichweite gepaart mit dem lokalen digitalen Know-How, den eigenen sehr erfahrenen, einflussreichen und perfekt vernetzten Mitarbeitern. Mehr über IEG – Investment Banking Group unter: www.ieg-banking.com.

Venturate: Ihr habt 1999 gegründet. Wie kam es zur Idee, auch vor dem Hintergrund deiner eigenen Vita?

Stefan Heilmann: Mein Ziel war es immer eine Investment Banking Boutique für Internet und Technologieunternehmen in allen wesentlichen Wachstumsregionen aufzubauen; leider war dieser Traum bei Lazard nicht realisierbar. Zudem komme ich aus einer Unternehmerfamilie, was mich mein ganzes Leben stark geprägt hat. Schließlich verhalf mir eine gesunde Portion „Selbstüberschätzung“ zu ausreichend Mut, diesen Schritt in den Höhen des 1. Internet-Hypes zu wagen.

Venturate: Wie hat sich das Eco-System und somit Eure Arbeit in den letzten 16 Jahren verändert? Ist durch die digitale Revolution Euer Branchenfokus eher enger oder breiter geworden?

Stefan Heilmann: Die sogenannte vierte industrielle Revolution hat mit der Entstehung des Internets und der explosionsartigen Verbreitung von mobilen Endgeräten sämtliche Industrien verändert. Die Zusammenarbeit mit Zulieferern, Entwicklern, Rohstofflieferanten, Energieanbietern ist so integriert wie noch nie. Geschäftsmodelle verändern sich und werden sich von Produkten & Dienstleistungen zu Lösungen wandeln.

Ganze Industrien werden durch Ökosysteme neu konfiguriert und alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Ein perfektes Beispiel für solch ein Ökosystem stellt die Kooperation zwischen Uber, VW und der Allianz dar. So hat sich Uber mit VW zusammengetan, um auf globaler Ebene einen „Uber-Passat“ zu bauen. Die Allianz als dritter Player trägt als Versicherer das Risiko. Durch dieses Ökosystem, welches drei Industriegruppen miteinander verbindet, wird eine kundenfreundliche und einfach zu handhabende Plattform kreiert, das es praktisch jedem erlaubt ein eigenes Taxi-Unternehmen zu gründen ohne die monate- oder gar jahrelange Vorbereitung.

Viele traditionelle Industrien, wie Automobil, produzierendes Gewerbe, Gesundheit, Landwirtschaft, Dienstleistung, Banken & Versicherungen, Energie, etc., unterschätzen die Geschwindigkeit, Dynamik und Kraft dieser Digitalisierung. Damit übersehen sie viele Trends und sind langfristig nicht mehr konkurrenzfähig. Im Gegensatz dazu entstehen immer neue innovative und disruptive Geschäftsmodelle, junge aufstrebende Unternehmen, wie Rocket Internet, WeWork, Airbnb oder Spotify, die neue Richtungen einschlagen, womit sie nicht nur die Märkte beherrschen, sondern damit auch die Welt verändern.

Stefan Heilmann, David & Goliath Konferenz
Stefan Heilmann, David & Goliath Konferenz

Venturate: Ihr seid von Eurem Team und den 9 Standorten in 8 Ländern sehr international aufgestellt. Welche Rolle spielen “Cross-border Deals” heutzutage?

Stefan Heilmann: Eine immer fortschreitende Globalisierung führt dazu, dass die Welt immer näher zusammenrückt. In den letzten Jahren haben cross-border Deals immer mehr zugenommen. Auf der Suche nach potentiellen Investitionen, Möglichkeiten das eigene Portfolio zu erweitern, günstige Produktionsstandorte zu erwerben oder den Branchenfokus zu diversifizieren, beschränken sich Unternehmen nicht länger auf das Inland oder die umliegenden Nachbarländer. In den letzten Jahren rückten vor allem die USA und die Wachstumsländer China und Indien, teilweise auch die Türkei in den Fokus. Nationen, in denen die IEG perfekt aufgestellt ist. Durch unsere ausländischen Offices bieten wir unseren Kunden ein weltweites Netzwerk an Kontakten und vor allem essentielle Einblicke in alle wichtigen Wachstumsregionen und -Märkte. Ein Beispiel dazu: Im Sommer 2015 hat das chinesische Unternehmen Shenzhen Deren Electronics 60 Prozent der Gesellschaftsanteile des italienische Unternehmens Meta System S.p.A. erworben. Eine Transaktion, die das IEG China Office in Shanghai, IEG – Kratos, exklusiv begleitet hat und die beispielhaft ist für die M&A-Vorhaben zwischen börsennotierten chinesischen Firmen und europäischen Familienunternehmen.

Venturate: Welche Trends siehst du, die aktuell die Veränderung über alle Branchen hinweg vorantreiben?

Stefan Heilmann: Das ist eine Frage, die auch wir uns fast täglich stellen bzw. stellen müssen und die sich nicht in zwei Sätzen beantworten lässt. Insgesamt haben wir 8 vor allem digitale Trends identifiziert, die in Zukunft alle Industrien nachhaltig beeinflussen und letztlich radikal verändern werden. Dazu empfehle ich dieses Video von einem Vortrag, den ich dieses Jahr auf einer Konferenz in der Türkei gehalten habe.

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Auf zwei dieser acht Trends möchte ich aber besonders hinweisen. Der erste und in meinen Augen auch der wichtigste, beinhaltet das Konzept der (selbsterklärenden) Benutzeroberfläche. Ein Aspekt, der in Bezug auf die Digitalisierung noch deutlich unterschätzt wird, den ich aber jedem Entrepreneur und Start-Up ans Herzen legen möchte. Jedes Unternehmen, dessen Produkt oder Service nicht intuitiv nutzbar ist, sondern durch ein Benutzerhandbuch erklärt werden muss, wird nicht konkurrenzfähig sein und in den nächsten 5 Jahren vom Markt verschwinden.

Ein schönes Beispiel für diesen Trend kommt aus der Automobilindustrie und dreht sich um die Ausstattung des Cockpits. Ist Porsche 1971 noch ein Ingenieurkunststück gelungen, in dem sie den Rennwagen alltagstauglich gemacht haben, laufen sie jetzt der Konkurrenz hinterher. Andere Hersteller, wie Tesla und Volvo setzen hier die Maßstäbe. Der Trend geht hin zu einer einfachen, Touchscreen-ähnlichen Handhabung. Auf Knöpfe, Schalter oder Hebel werden im Tesla S und Volvo XC90 fast vollständig verzichtet. Große Automobilhersteller wie eben Porsche, aber auch Audi oder Mercedes können diesem Design erst frühestens 2020 folgen und werden dadurch Kunden und Marktanteile verlieren.

Ein zweiter Trend ist „Sharing & Collaboration“. Ein Konzept, welches den Begriff von Eigentum revolutioniert. Nutzer legen nicht länger Wert darauf, Produkte, Gegenstände oder Services physisch zu besitzen. Es entsteht vielmehr eine Community, die Musik, Autos und sogar Wohnraum mit anderen Nutzern teilt. Unternehmen wie AirBNB, Car2Go oder Spotify wachsen immens. Das amerikanische Unternehmen WeWork, das Bürofläche zur Miete anbietet und inzwischen in 20 Ländern aktiv ist, zeigt in diesem Zusammenhang die beispiellose Wertschöpfung, die dieser Sektor mit sich bringt. Im Dezember 2014 wurde WeWork mit 5 Milliarden US Dollar bewertet. 6 Monate später, im Juli 2015, lag der Wert bereits bei 10 Milliarden.

Venturate: Wo siehst du bei Deinem eigenen Geschäft Risiken einer digitalen Disruption?

Stefan Heilmann: With big data comes big responsibility. Wie in der Frage vorher angedeutet, liegt einer der Trends der digitalen Revolution in dem Konzept des „Sharings“. Dies beinhaltet auch das Teilen und Weitergeben von Wissen, Know-How und Expertise. Es geht darum Informationen möglichst schnell, unkompliziert und effizient von A nach B zu transportieren. Dabei werden Cloudsysteme, Online Speicherplätze und digitale Anwendungen und Apps genutzt. Das größte Problem besteht dabei in der Sicherheit der Daten. Nicht nur bei den großen sozialen Netzwerken spielt die Datensicherheit eine wichtige Rolle, sondern auch in jedem Unternehmen, welches mit hochsensiblen und vertraulichen Daten arbeitet. Wie kann gewährleistet werden, dass diese nicht in falsche Hände geraten? In den nächsten Jahren wird das Schaffen von Systemen und Lösungen zur Datensicherung immer wichtiger werden. Es müssen technische Lösungen geschaffen werden, die so komplex sind, dass die Systeme nicht mehr angreifbar sind bzw. sich der Aufwand, diese zu hacken, nicht mehr lohnt.

Venturate: Klaus Hommels hat neulich auf der NOAH in London davon gesprochen, dass der Mittelstand in Deutschland bzw. in Europa sehr viel intensiver mit “strukturellem M&A” bis 100 Mio. Dollar zukaufen sollte, um zukunftsfähig zu bleiben. Wie siehst du das?

Stefan Heilmann: Klaus Hommels ist ein großartiger Investor und besitzt einen scharfen Verstand. Jedoch liegt die strukturelle Schwäche des deutschen Mittelstands in der fehlenden Innovationskraft. Eine Abhilfe sind strategische und innovative Zukäufe („strukturelle M&A“), die einen wesentlichen Beitrag zur Innovation schaffen. Dies führt schlussendlich zum Erfolg. Solche Maßnahmen beinhalten M&A zum Erwerb von Mitarbeitern, agilen Lösungen, neuen Geschäftsmodellen oder Investitionen in indirekte Innovationsbeteiligungen, die außerhalb der rigiden Corporate Governance agieren und in Wachstumsunternehmen investieren.

Acht digitale Trends

Venturate: Du veranstaltest regelmäßig mit “Digital Friends Dinner” ein Event-Format in verschiedenen Städten weltweit. Was hat es damit auf sich?

Stefan Heilmann: Das DIGITAL FRIENDS Dinner (DFD) wurde 2011 ins Leben gerufen. Seine Premiere feierte das DFD in Istanbul. Seitdem bereisen wir jährlich 7-10 verschiedene digitale Metropolen. Der Grundgedanke: dem „Over-Conferencing“ zu entkommen. Ella Kieran (geb. Weston) von WPP hat eine Liste erstellt, in der sie circa 620 Konferenzen und Events aufgelistet hat, an denen man teilnehmen sollte. Es ist eine Event- Inflation entstanden. Zusätzlich hat das Qualitätsniveau vieler dieser Veranstaltungen massiv abgenommen. Das DFD möchte diese Lücke schließen. Freunde, Gleichgesinnte sollen zusammen sitzen, gut essen und gute Gespräche führen – No Hidden Agenda, keine Belehrungen oder Vorträge. Net Without Working! 2015 waren wir in sieben verschiedenen Städten unterwegs; davon zum ersten Mal auch in China. Unser Netzwerk wächst deutlich und die DFDs werden immer internationaler und gefragter. Impressionen und Eindrücke der letzten DIGITAL FRIENDS Dinner in London kann man sich hier ansehen:

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Venturate: Wie legst du selbst dein Geld auf die hohe Kante? Konservativ, spekulativ oder ein Mix aus allem?

Stefan Heilmann: Bei mir trifft meine Frau Esther die erfolgreichsten Investitionsentscheidungen. Ich investiere ausschließlich unternehmerisch oder in Orte, wo ich lebe und die ich liebe.

 

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